Der Taminser Bergsturz – seltener auch Bergsturz von Reichenau oder vom Säsagit genannt – ist ein prähistorischer Felssturz vom Säsagit oberhalb von Tamins. Neben seinem viel grösseren Nachbarn trat er lange in den Hintergrund. Wegen der gegenseitigen Beeinflussung spricht man heute von der Bergsturzlandschaft Flims-Tamins.
1,2–1,5 km³
Volumen (Abele 1974; Pfiffner et al. 2023)
9420 ± 880
Jahre vor heute (kosmische Nuklide)
> 150 m
Höhe des Riegels über dem heutigen Rhein
1,7 km
Länge des Hauptrückens
Herkunft
Nördlich von Tamins liegt zwischen Garschlichopf, Säsagit (1999 m ü. M.) und Vogelstein eine ausgeprägte U-förmige Nische – das Herkunftsgebiet der Sturzmassen. Zuoberst steht eine freie Felsnadel, der «Turm», die vom Zerbrechen während des Abrisses zeugt. Der Felsuntergrund besteht aus permischen Vulkaniten, überlagert von Sedimenten der Trias bis zum jüngeren Jura; die ganze Abfolge ist grossräumig gefaltet und gehört zum Helvetikum.
Ablagerungen
Nördlich des Rheins liegen zwei mächtige, quer zur Bewegungsrichtung verlaufende Rücken: Rascheu (855 m ü. M.) und Cartschitscha (774 m ü. M.). Bei einem Rheinniveau von etwa 600 m ergibt das Mächtigkeiten von rund 200 m; nach geophysikalischen Untersuchungen reicht die Ablagerung noch bis 100 m unter das heutige Rheinniveau. Südlich des Rheins schliesst ein langgestreckter Rücken an (Tuma da Zislis und Ils Aults), 1,7 km lang und rund 700 m breit. Er muss das Rheintal vollständig abgeriegelt haben.
Im distalen Teil prallte die Sturzmasse auf den Gegenhang und wich nach beiden Seiten aus. Im Osten zerbrach sie in mehrere Stücke, die heute als langgestreckte Hügel südlich der Ems-Chemie erkennbar sind (Crest’Aulta, Tuma Calchera, Tuma Lunga, Tum’Arsa).
Ein vom Taminser Riegel aufgestauter Bonaduzer See ist zwar wahrscheinlich, aber bisher nicht nachgewiesen – seine Spuren dürften durch den nachfolgenden Flimser Bergsturz und die Bonaduz-Formation beseitigt worden sein.
Abgrenzung zum Flimser Bergsturz
Die Ablagerungen beider Bergstürze berühren sich. Anhand der Gesteine lässt sich die Herkunft meist bestimmen: Kreidekalke stammen eindeutig vom Flimser Bergsturz, Trias und permische Vulkanite vom Taminser Bergsturz. Die Grenze verläuft etwas westlich des heutigen Hinterrheins.
Nach dem Zusammenfluss bei Reichenau fliesst der Rhein durch einen markanten Durchbruch zwischen Fanaus und Tuma da Zislis. Diese Bresche wurde nach heutiger Hypothese beim Ereignis von Bonaduz ausgeräumt – dabei wurde Taminser Sturzmaterial in Riesenblöcken bis nach Domat/Ems, Felsberg und Chur transportiert. Die berühmten Tumas von Domat/Ems liegen genau vor dieser Bresche.
Alter
Mittels kosmischer Nuklide wurde das Alter auf 9420 ± 880 Jahre bestimmt – nur wenig älter als der Flimser Bergsturz. Schon morphologisch muss der Taminser Bergsturz aber älter sein, denn die Kiese der Bonaduz-Formation überlagern seine Sturzmasse eindeutig. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen ist nicht nachgewiesen.
Quellen
- Abele, G. (1974): Bergstürze in den Alpen. Wiss. Alpenvereinshefte 25, München.
- Calhoun, N. & Clague, J. J. (2018): Distinguishing between debris flows and hyperconcentrated flows: an example from the eastern Swiss Alps. Earth Surface Processes and Landforms. doi:10.1002/esp.4313
- Pfiffner, O. A., Ivy-Ochs, S., Mussina, Z., Aaron, J., Steinemann, O., Vockenhuber, C. & Akçar, N. (2023): The Tamins rock avalanche (eastern Switzerland): timing and emplacement processes. Landslides 20, 877–899. doi:10.1007/s10346-022-02004-4
- Poschinger, A. v., Clague, J. J. & Calhoun, N. (2020): The Flims-Tamins rockslide landscape. In: Reynard, E. (ed.): Landscapes of Switzerland, 387–396, Springer.
- Poschinger, A. v. & Ruegg, Th. (2012): Die Churer Tomahügel, ein besonderes Zeugnis der Landschaftsgenese. Jber. Natf. Ges. Graubünden 117, 93–100.